Wundesame Erzählungen
das Lichterfest
Versteckt, verstaubt und wohl vergessen steht die alte Laterne auf dem Gestell im Keller. Es ist stockdunkel, sie weiss nicht einmal, ob es Tag oder Nacht ist. Wann durfte sie das letzte Mal leuchten' Die Laterne seufzt: "Oh, das ist lange her. Wohl fast ein Jahr." Unendlich lange steht sie schon in dieser Ecke und wartet. Worauf eigentlich? Knarrend geht die Kellertüre auf und herein kommt ein alter Mann. Suchend schweifen seine Augen durch die Gestelle. "Da bist du ja", ruft Ursin hocherfreut. Er packt die Laterne und bringt sie nach oben. Seine Frau Ladina schrubbt und striegelt, bis die Laterne wieder glänzt und der Lichtschein sich darin spiegeln kann.
Heute abend werden sie ihre Laterne mit ans Lichterfest nehmen. Heute ist Sonnenwende und eisig kalter Winter. Die Sonne versteckt sich immer mehr hinter Wolken. Gegen abend beginnt es zu schneien und die graubraune Welt verwandelt sich in eine glitzernde Zauberlandschaft. Die weisse Decke wird dichter und verschluckt jeden Lärm. Stille breite sich aus. Eine magische Stimmunmg erfüllt die Welt. Es ist Zeit, in den Wald zu gehen. Ursin und Ladine zünden ihre Lampe an und machen sich auf den Weg durch den knirschenden Schnee. Bald treffen sie auf Freunde, Gäste und viele Kinder. Alle tragen Laternen: grosse, kleine, farbige, uralte oder ganz neue, mit Kerzen darin oder Petrol.
Auf der Waldlichtung findet jede Laterne ihren Platz. Eng zusammen gerückt strahlen sie ihre Lichter in die Welt hinaus. So bilden sie ein fröhlich funkelndes Laternenmeer. Es hat aufgehört zu schneien und über ihnen wölbt sich ein riesiger Sternenhimmel.
In Gedanken versunken stehen die Menschen im Kreis und gucken abwechselnd auf ihr Laternenmeer und in den Sternenhimmel hinauf. Etwas Geheimnisvolles breitet sich aus und wandert in die Herzen der Kinder und der Erwachsenen. Plötzlich erklingt eine Melodie. Woher kommt sie wohl? Die Menschen summen mit. Nur Ladina und Ursin starren erstaunt auf ihre Laterne. Sie hat plötzlich zu klingen angefangen. Dann beginnt ein zauberhaftes Schauspiel.
Die Laternen am Boden leuchten in unzähligen Farben und die Sterne am Himmel strahlen genauso zurück. Feine Lichterfäden spannen sich zwischen Himmel und Erde. Darauf huschen die Töne hinauf und hinunter und lassen die Herzen beben. Verzaubert stehen die Menschen auf der Waldlichtung. Solch wundersame Töne haben sie noch nie gehört. Der Schnee spiegelt farbig und die Bäume glitzern weiss. Ein paar neugierige Tiere wagen sich hervor.  Die Kleinen nehmen die Grossen an der Hand. Augen, Laternen und Sterne leuchten um Wette. Die ganze Gesellschaft ist erfüllt mit Zufriedheit und Freude. Ist das Glück?
Auf dem Heimweg betrachten Ursin und Ladine ihre Laterne. Was war so besonders an ihr? Wie konnte sie dieses Ereignis verursachen? Auf jeden Fall gehört diese Lampe nie mehr in den Keller, sondern an den schönsten Platz im Haus. So kann sie das ganze Jahre wundersam leuchten. Nun wartete die Zauberlaterne darauf, jemanden glücklich zu machen.
Und deine Laterne? Hast du sie schon an einen besonderen Platz gestellt und ihr schon zugehört? Sie singt sehr leise. Geh mit deiner Laterne durchs Jahr. Sie kann überraschend dein Leben verzaubern. Dann geniesse jeden Augenblick.
                                                                                                                                       © Esther Barandun

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